Im Frühjahr 1982, wollte mein Vater sich den Norden Europas ansehen. Zur Begleitung und Unterstützung hatte er mich auserkoren.
Am Himmelfahrtstag, den 20. Mai, fuhr ich von Hennef, mit der Bahn, zum Treffpunkt nach Neustadt/Holstein.
Vater hatte 1. Klasse-Netzkarten für Skandinavien gekauft:
Unsere große Skandinavientour
Frühjahr 1982
Am 22. Mai fuhren wir mit dem Zug zum Fährhafen Puttgarden. Auf der Fähre hatte ich einige Vorräte zu beschaffen. Von Rödby auf Lolland, ging es mit der DSB, über die Inseln, Falster und Seeland, nach Kopenhagen mit Umsteigen und mittags weiter nach Helsingör. Von dort mit der Fähre über den Öresund, nach Helsingborg, in Schweden.
Weiter mit der SJ nach Göteborg - spätabends erreichten wir Oslo. Hier hatte ich nun eine geeignete Unterkunft zu finden. Bald landeten wir im Hotel Viking und waren damit recht zufrieden.
Das Frühstücksbüfett ließ Vaters Augen leuchten - beide aßen wir auf Vorrat.
Da wir Oslo kannten, fuhren wir mit der NSB weiter nach Norden. Über Hamar, Lillehammer, Dombäs und Stoeren erreichten wir am frühen Abend Trondheim. Es war eine schöne Fahrt durch weitgehend naturbelassene Landschaft.
Jeder NSB-Wagen, hatte im Gang Trinkwasserflaschen, die bei Zwischenstopps wieder neu gefüllt wurden. Mit unserem Mariacron hatten wir so stets ein wohlschmeckendes Getränk griffbereit.
Die Nacht verbrachten wir im Hotel Gildevangen. Am Montag ging's am Trondheimer Fjord entlang nach Levanger und Steinkjer, weiter über Moseen und Mo I Rana. Hier querten wir den Polarkreis und nach Frauske erreichten wir den Endpunkt der NSB in Bodö.
Während der 10 stündigen Bahnfahrt hatten wir das Abteil für uns alleine. Wir spielten Kutscherskat, dabei bewunderte ich die vorbeihuschende Landschaft.
Vater berichtete mir von seiner Jugendzeit: Seine Mutter war im letzten Jahr des 1. Weltkrieges, im Alter von 45 Jahren, sehr früh gestorben - er selbst war damals 8 Jahre alt.
Sein Vater war Handlungsreisender und oft unterwegs - dann übernahmen die älteren Geschwister das Regiment - Bruder, 17 und Schwester, 14 - Vater und seine 6 jährige Schwester, hatten einiges auszubaden. Wegen des Kriegswahnsinns und dem Versailler-Vertrag, waren sehr viele Bürger total verarmt. Stolz war Vater gewesen, wenn er vom Bollhörnkai mit ein paar Fischen, die er mit einem Haken am Bindfaden rausgezogen hatte, nach Hause, am Exerzierplatz in Kiel, bringen konnte.
Nach seiner verkorksten Schulzeit machte Vater eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann in Lütjenburg. Danach war er zwei Jahre als Kaufmannsgehilfe, in Kappeln an der Schlei, tätig.
Die Weltwirtschaftskrise in Deutschland, verschärft durch die Reparationszahlungen, steigerte die Arbeitslosigkeit und die Inflation. Bis hin zu Millionen RM für monatliche Nahrungsmittel – überall wurde gehungert. 1930 ging Vater zur Marine. Hier wurden junge Männer brutal behandelt, aber es wurde täglich Essen verteilt.
Diese Situation war für die Nazis der geeignete Nährboden. Im Januar 1933 übernahmen sie die Regierung – schnell nahm der Wahnsinn seinen Lauf. Unzählige Morde an Andersdenkenden waren an der Tagesordnung. Schwerindustrielle, Banker, Militär und Adel, kochten ihr Süppchen: Alles wurde für den Rachefeldzug vorbereitet. Hochrüstung, Einstellung der Reparationszahlungen, Autobahnbau – Massenmord an Juden , Sinti und Roma, Kommunisten, Sozialisten, Homosexuellen, Behinderten.....
Dann der 2. Weltkrieg: Mord und Zerstörung über ganz Europa - am Ende, im Mai 1945 war Europa zerstört – 36 Millionen Tote, das Deutsche Reich endgültig erledigt.
Leider waren unsere Nachkriegsregierungen nahezu blind gegenüber den Nazis – neue rechtsradikale Parteien hätten verboten werden müssen. Auch seitens der christlichen Repräsentanten wird geschwiegen, ein mir unverständlicher, ja erbärmlicher Zustand.
Und heute: Unsere Regierung schickt Soldaten zum Schutz der Pipelines amerikanisch-englischer Ölmultis nach Afrika und Asien, sowie der französischen Urangruben – ich sehe auch hier die Quellen des aufflammenden, weltweiten Terrors.
Bodö – mit unserem Gepäck blieb Vater am Bahnhof sitzen, während ich eine Unterkunft suchte. In der Storgata fand ich das Park Pensjonat. Am Hafen gab's gebratenen Fisch – kurz vor Mitternacht, es war taghell, suchten wir unsere Betten auf.
Am Dienstag, 25. Mai, bummelten wir zum Hafen runter und erstanden im Bennett-Reisebüro AS Tickets per Hurtigruten von Bodö nach Narvik.
Frühnachmittags legte die Fähre mit uns ab. Bei herrlichem Sonnenschein schipperten wir über den Westfjord – den Lofoten, mit schneebedeckten, kahlen Felsen entgegen.
Narvik, Mitternachtsstimmung, Freiheitsmonument
In Stamsund wurden Fischkisten an Bord genommen. Svolvaer erreichten wir gegen 20:00 Uhr. Die Fähre fuhr weiter Richtung Tromsö – wir sollten nach ca. 2 Stunden Anschluss nach Narvik haben. Wir saßen mit unserem Gepäck am Fähranleger, im Sonnenschein, kein Mensch weit und breit – es wurde 22:00 Uhr... und immer noch keine Fähre – aus einem Schuppen ertönten Arbeitsgeräusche - ich ging diesen nach und sah einen Mann, dem ich meinen Fahrschein nach Narvik zeigte – er schüttelte den Kopf – das Boot nach Narvik würde erst morgen wieder fahren.
Im einzigen Hotel der Stadt wurde renoviert, es war geschlossen, dennoch wurde uns von dem Eigner dankenswerterweise ein Doppelzimmer bereitgestellt.
Am nächsten Morgen war ich früh wach und da Vater noch schlief zog ich mich an, um vor dem Frühstück, in aller Ruhe, einen Ortsbummel zu machen. In der Hauptstraße bemerkte ich eine Filiale des Reisebüros das uns am Vortag, in Bodö, die direkte Überfahrt nach Narvik verkauft hatte. Nachdem ich mein Anliegen erklärt hatte, führte die Bennett-Dame ein langes Gespräch mit ihrer Zentrale. Danach teilte sie mir mit, dass ihre Firma sich bei uns entschuldigen würde und selbstverständlich für alle Mehrkosten – Hotel und Speisen des Tages – aufkommen würde.
Vater saß am Frühstückstisch und war über meine morgentlichen Nachrichten sehr erfreut – auch das Hotel war bereits informiert worden. Mittags gab es gebratene Lachsschnitten mit Meerrettich und Salzkartoffeln - köstlich! Nachmittags bummelte ich an ca. 6 m hohen Stockfischgerüsten vorbei, zu einer kleinen Bucht.
Hier sammelte ich einige Seesterne, Seeigel und Muscheln. Auf dem Rückweg wurde ich bei den Gerüsten, die mit Dorschen bestückt waren, von Möwen angegriffen, immer wieder, sie sahen mich wohl als Futterkonkurrenten.
Gegen 21:00 Uhr lief die Fähre ein – nun ging's an Bord – gegen 22:00 Uhr Leinen los, gen Narvik. Zwischen Svolvaer und Lodingen konnten wir mehrere Lachszuchtfarmen beobachten – d.h. zylinderförmige Netze, die oben und unten mit weiteren Netzen geschlossen sind, Durchmesser ca. 10 Meter. An einigen lagen Boote, hier wurde gefüttert, oder auch gefangen. Die gefangenen Lachse wanderten direkt in flache Fischkisten, mit Aufschriften der Kunden, z.B. bekannte Hotels in Berlin, Milano, Paris – ich nahm an, dass der Fisch dort als Wildlachs auf den Tellern landet.
Unsere Koje war eng und lag nahe dem Bootsmotor – Vater schlief – ich verbrachte die Nacht an Deck, dösend auf einer Bank.
Am 27. Mai, gegen 7:00 Uhr machte die Fähre in Narvik fest.
In der Königsstraße fanden wir ein offenes Cafe – nach kurzem Aufenthalt wurden wir hier, von einem ca. 30 jährigen Norweger, angesprochen. Er berichtete uns, dass sein Vater in der Nähe, im Ort Forsa, eine Baufirma habe und er ab Montag auf einer Baustelle, in Narvik, arbeite würde. Er zitierte aus dem Nibelungenlied, bis hin zum Simplicissimus, als er dann von seiner Zeit in der Fremdenlegion erzählte und sich dann auch noch als Anhänger, Vidkun Quislings bekannte, konnten wir seine Anwesenheit nicht mehr ertragen und haben das Cafe verlassen.
Ich bummelte weiter durch die Stadt und holte mir in der Kongens GT, im Tourist-Office, einen Stadtplan – in der Nähe liegt auch der Bahnhof. Im Nordosten Narviks lagen Berge von Eisenerzen und auch Kohle – Betriebs.- und Handelshafengelände.
Später gingen wir, gemütlich mit unserem Gepäck, zum Bahnhof.
Wir hatten in unserem Abteil Platz genommen – da gab es auf dem Bahnsteig eine peinliche Szene – der Norweger, aus dem Cafe, marschierte, deutsche Lieder singend, im Stechschritt auf und ab – wir waren froh, als der Zug um 15:00 Uhr in Narvik abfuhr.
Die NSB fuhr langsam, immer bergan – nach 30 Minuten hatten wir die Riksgränsen, zwischen Nord und Süd, überfahren - bald danach eine Höhe von ca. 1400 m, Bäume und Sträucher haben wir bis Kiruna nicht gesehen.
Vater bemängelte Gestank in unserem Zugabteil – so landeten meine Sammelstücke von den Lofoten, auf der Hochebene zwischen Kiruna und Gällivare - hier wuchsen auch die ersten Birken und wir sahen unsere ersten Elche in freier Wildbahn. Kühe mit Jungtieren, getrennt von den Bullen deren Körper, abgesehen von den starken Schaufelgeweihen und den vergleichsweise dünnen Beinen, mich an wohlgebaute Pferde erinnerte.
In Boden stiegen wir gegen 22:00 Uhr in den Schlafwagen um. An diesem Nachmittag und Abend waren wir ca. 6 Stunden von Norden nach Süden in Schweden, nahe der finnischen Grenze, herunter gefahren.
Über Umea nach Sundsvall - Ankunft 8:30 – hatten wir gut geschlafen – hier stiegen wir wieder in ein normales Zugabteil um. Weiter ging's über Uppsala nach Stockholm – am 28. Mai, kurz vor 14 Uhr, kamen wir an. In einem Hotel in der Drottninggatan bezogen wir unsere Zimmer.
Dann besichtigten wir das alte, vor ca. 800 Jahren, gegründete Stadtzentrum und das königliche Schloß, auf der Insel Ridderholmen. Dem Schloß gegenüber, an der Stadtinsel Skeppsholmen, lag immer noch der alte Dreimaster, STF Vandrarhem of Chapmann, das ausgemusterte Schulschiff der königlichen Marine, auf dem ich zusammen mit B.M., vor 24 Jahren, übernachtet hatte.
Im Vasa-Museum bewunderten wir die Kriegskogge, gebaut 1628, im Stockholmer Hafen auf Grund gelaufen und gesunken, nach 333 Jahren, 1961 wurde das Wrack geborgen, aufgehübscht und hier ausgestellt.
Am Abend wurde in unserem Haus Jazz-Musik life geboten – einfach schön.
Nach einem ausgiebigen Frühstück beteiligten wir uns an einer Stadtrundfahrt per Bus – Höhepunkt dieser herrlichen Tour, war der Besuch des Skulpturen-Parks, Millesgarden, auf der Stadtinsel Lindingo.
Stockholm ist eine bemerkenswerte Stadt, sie hat uns sehr gut gefallen. Am Abend ging's mit Sack und Pack zum Fährhafen – mit der Silja-Star fuhren wir über Nacht nach Abo-Turku. Wieder einmal bewunderte ich die Schärenwelt zwischen Stockholm und Turku – ca. 9 Stunden Fahrzeit, davon nur 4 Stunden offene See, für mich einmalig schön in Europa.
Vom Satama-Hafen in Turku, ging's vom Hauptbahnhof per Bahn, über Salo und Karis, nach Helsinki. Am 30. Mai, ca. !0.00 Uhr trafen wir dort ein – wir gingen zum Passagierhafen und genossen einen fischigen Imbiss, danach zum Dom, hier lauschten wir der Orgelmusik von Bach und Sibelius. Anschließend zeigte ich Vater die wunderschöne Felsenkirche.
Nach einem gemütlichen Kaffee gingen wir zum Bahnhof, um mit Gepäck wieder nach Turku zu fahren. Während dieser Fahrt verglich ich die Stadtpläne von Helsinki und Stockholm. Beide Hauptstädte. Beide Hauptstädte sah ich als Embryos – Helsinki einen Tag, Stockholm eine Woche vor der Geburt.
Am Hafen von Turku bestiegen wir die „Fennia“, um über Nacht schlafend nach Stockholm zurück zu schippern.
Per Bahn fuhren wir weiter in Richtung Heimat. Am 31. Mai, zur Mittagszeit, stiegen wir in Tranäs / Schonen, aus und bezogen im Scandic-Hotel , in der Storgatan, einladende Zimmer – Vater war müde, er verschlief den Nachmittag. Ich besorgte in der Zeit ein Geburtstagsgeschenk für Ingrid - am Abend feierten wir dann ihren Ehrentag. Am 1. Juni war Erholung mit gutem Frühstück und einem ruhigen Spaziergang im sonnigen, sauberen und weitläufigen Tranäs, angesagt – abends feierten wir Abschied von Schweden.
Am nächsten Morgen ging's per Bahn nach Helsingborg, mit der Fähre rüber nach Helsingör, weiter mit der Bahn über Kopenhagen nach Rödby, mit der Fähre nach Puttgarden und mit der DB zurück nach Neustadt. Hier machten wir uns einen gemütlichen Tag – mit einer Vielzahl von Heringen und einigen Bieren.
Am Freitag, den 4. Juni, fuhr ich dann heim zu Frau und Kindern, nach Hennef.
Meinem Vater werde ich für diese Reise dankbar bleiben.
Alle Fotos und Prospekte im Überblick: