Rückblick
Im August 1938 wurde ich in Kiel geboren. Meine ersten Erinnerungen sind weinende Mütter mit ihren Kindern im Luftschutzkeller. Im März 1941 traf eine von vielen Bomben auf Kiel, auch unser Haus im Krusenrotter Weg.
Mutter zog mit uns zu Tante Minna und Onkel Hans auf’s Land, nach Enkendorf.
Eine schöne Zeit – 2 Monate auf dem Bauernhof – an der Tür von der Küche zum Hof stand immer eine große Kanne Buttermilch mit einer Kelle zum Trinken – einfach köstlich; immer wieder mal durfte ich sattellos auf einem der Pferde sitzen… herrlich.
Im Juni ging es dann nach Neustadt. Vater war dort Proviantmeister bei der Marine. Er hatte uns im Kreienredder eine Wohnung beschafft.
Im Oktober 1944 wurde ich eingeschult.
Der Krieg erschien uns Schülern angenehm – wenn die Bomberstaffeln über Neustadt flogen, heulten die Sirenen – der Unterricht war beendet.
Bis April 1945 fiel bei uns keine Bombe. Die Flieger flogen wohl nach Lübeck, oder weiter nach Berlin. Mit Beginn der Osterferien hatten wir 1945 keinen Unterricht mehr.
Ende April 1945 lagen in der Neustädter Bucht drei Schiffe auf Reede – Höhe Pelzerhaken – Scharbeutz: Cap Arcona, Deutschland und Thielbek.
An einem sonnenklaren Nachmittag strolchte ich mit anderen Jungs am Steilufer entlang. Es tauchten mehrere Flieger auf, im Sturzflug den Schiffen entgegen. Bomben wurden abgeworfen – welch ein Schauspiel.
Bald kam die nächste Staffel… und noch eine… .
Die Schiffe brannten und qualmten – wie geschlagene Hunde schlichen wir heim. Am nächsten Morgen lagen zwei Schiffsrümpfe kieloben in der Bucht – es war ganz ruhig.
Dann wurde die Stadt von Engländern besetzt. Vater wurde nachts von britischen Soldaten geholt – abends erzählte er uns, dass er mit einigen Kameraden für überlebende KZ’ler kochen müsse. So kam es, dass mein Vater – lt. vorliegendem Entlassungsschein / Certificate of Discharge – von einem Captain, E. T. Willis erst am 10. November 1945 von der Marine entlassen wurde.
Mitte Mai kam ein Pferdegespann an unserem Haus vorbei. Nach meiner Frage und der Zustimmung des Kutschers, saß ich ohne Halt stolz auf einem der Gäule. Es ging zum Strand, weiter in Richtung Pelzerhaken zum Lotsenhaus. Dort wurde der Wagen abgespannt. Der Kutscher zog sich Gummistiefel an. Danach dirigierte er seine Pferde – mit mir auf einem Rücken – über den schmalen Strand ins seichte Wasser der Bucht. Ich traute meinen Augen nicht, im Wasser dümpelten Tote in schwarzweißgestreiften Anzügen, die Gesichter im Wasser… überall Tote… .
Am Geschirr hing eine Eisenkette, am Ende ein grober Haken. Wortlos hakte er diesen in den Kragen der Jacke eines Toten und wir zogen ihn an den Strand… und noch einen… und noch einen…
Nach einigen Stunden wurden die Pferde wieder an den Wagen gespannt. Mit einer Geste zu den Toten, am Strand und im Wasser, murmelte er ein einziges Wort: KRIEG.
Wir fuhren zu seiner Schmiede in der Hochtorstraße. Im Stall bei seinen Pferden erbrach er sich – blutrot war die Kalkwand. Ich rannte heim und erzählte meiner Großmutter das Gesehene. Sie war erschüttert, wortlos – dann wurde sie böse, sie konnte oder wollte meine Geschichte nicht wahrhaben.
Für die folgenden Tage bekam ich Stubenarrest.
Über die Jahre versank mir dieser Tag im dichten Nebel.
Bis 1948 war das Baden, an diesem Küstenstreifen, wegen Seuchengefahr verboten. Es wurde der Ehrenfriedhof < Cap Arcona > angelegt – 7000 Tote, überwiegend ehemalige Lagerinsassen aus dem KZ-HH-Neuengamme.
Weder in meinem Elternhaus, bei den Nachbarn, noch in der Schule oder während meiner Ausbildung wurde dieses Geschehen, auch das ganze abscheuliche Verhalten der Nazi’s jemals angesprochen.
Heute muß ich mit völligem Unverständnis erkennen, dass unsere Nachkriegsregierungen den Nazi’s, deren Gruppierungen weitgehend mit Passivität, ja mit Gleichgültigkeit begegneten.
D. Johst