Meine erste große Reise

- per Tramp nach Finnland

August 1958 - mein ehemaliger Mitschüler B.M., war in den Semesterferien wegen der Europäischen Trachtenwoche nach Neustadt, an die Ostsee gekommen. Hier lernte er die Finnin K.M., aus Turku kennen. Beim Abschied lud sie uns beide in ihre Heimat ein.

Anfang September arbeiteten wir 5 Tage in der Neustädter Papierfabrik. Danach zahlte uns mein Vater für das Ausheben eines Telefonkabelgrabens 200,- DM.

Am 16. September starteten wir, zunächst per Anhalter nach Süselerbaum, über Eutin, Plön, nach Kiel und weiter zur Schleuse nach Holtenau. Dort versuchten wir einen Frachter nach Schweden oder sogar nach Finnland zu entern. Obwohl wir den Schiffen unsere Arbeitskraft anboten, wurden wir nie angeheuert.

So änderten wir unseren Plan; per Anhalter ging's über Lütjenburg und Oldenburg nach Großenbrode. Gegen 17 Uhr erreichten wir den Fährhafen. An Bord, während der 2 stündigen Überfahrt nach Gedser DK, gönnten wir uns zunächst ein märchenhaftes Büffet auf der "Theodor-Heuss".
Danach ging's 'runter zum PKW-Deck. Wir trafen einen Finnen, der uns nach Helsingör mitnehmen wollte. Hocherfreut fuhren wir mit ihm in Gedser an Land.
Wir staunten über seine guten, deutschen Sprachkenntnisse - seine Erklärung: deutsch sei die 1. Fremdsprache an finnischen Schulen. Weiter erfuhren wir von ihm, dass Finnland zweisprachig ist - finnisch und schwedisch.

In Hamburg hatte sich unser Finne diesen alten Daimler gekauft. Er beabsichtigte seine Fahrt ohne Unterbrechung bis Stockholm fortzuführen.
Nach Überquerung des Öresundes nach Helsingborg, saßen wir selig im Found und fuhren, mit der Aufgabe ihm alle 20 Minuten eine seiner Zigaretten brennend zu reichen, über Nacht auf der unbefestigten Reichsstr. 1 Richtung Stockholm. Noch vor Åstorp duselte ich ein.
Bei Jönköping kam uns auf einer Anhöhe ein Truck entgegen. Ich saß rechts im Found und sah voller Schrecken dem Aufprall entgegen.
Es verlief jedoch alles glatt. Nun hellwach registrierte ich, dass in Schweden Linksverkehr vorgeschrieben war.
Die Straße führte am Vättersee entlang, durch urwüchsige Fichtenwälder auf rotem, glatten Felsengrund, der steil ins ruhige Seewasser abfiel. Dazu ein herrlicher Sonnenaufgang. Bilder, die sich mir tief ins Gedächtnis gruben.
Nörrköping, sauber und modern, inmitten von immergrünen Tannen und Fichtenwäldern.

Am 17. September 1958 gegen 10 Uhr, erreichten wir die schwedische Hauptstadt Stockholm. Wir fuhren direkt zum Hafen, unser Finne nahm die nächste Fähre. Wir nahmen dankbar Abschied von ihm.

Mittags saßen wir auf dem ausgemusterten Schulschiff der königlichen Marine - eine Dreimastbark, STF Vandrarhem of Chapman - die noch heute als imposante Jugendherberge dient.
Wir speisten Elchgulasch mit Preiselbeeren - sehr köstlich. Nach dem Essen bummelten wir zum gegenüberliegenden Altstadtzentrum: Reichstag, Schloß, Rathaus, Museum und Kirchen....
unzerstörte, alte, gepflegte Prachtbauten. Eine beeindruckende, von Wasser umgebene Stadtkulisse.

Wir buchten unsere Überfahrt nach Turku, gegen 17 Uhr ging's an Bord. Die Uhr wurde eine Stunde vorgestellt.
Die Fähre fuhr stundenlang ruhig durch das der Küste vorgelagerte Schärengebiet. Hunderte von roten und grauen, fichten- und kiefernbestandenen Felseninseln. Sobald die Fläche reichte, von einem Holzhaus belegt.
Schweden erzählten uns, dass nahezu jede Stadtfamilie - zwecks Entspannung in der Natur - eine derartige Hütte irgendwo am Wasser besitzt.

Auf dem Oberdeck hatten sich viele junge Leute eingefunden, die aus Kostengründen keine Kabine gebucht hatten. Die meisten aus Schweden und Finnland, einige Engländer, Holländer, Franzosen und Norweger. Wir waren die einzigen Deutschen - ein buntes Stimmengewirr.

So gegen 22 Uhr, es war stockdunkel geworden, verließen wir unsere Bugplätze und suchten uns eine freie Bank - nach kurzem Dösen war ich eingeschlafen.
Den Zwischenstop der Fähre auf der Alandinsel hatten wir beide nicht mitbekommen.
Am 18. September gegen 7 Uhr, es begann zu dämmern, erwachte ich fröstelnd. Die Fähre hatte das finnische Schärengebiet - rote Felsen, hier mit Fichten- und Lärchenbestand, erreicht.
Am Hafen kauften wir uns Milchreis zum Frühstück. Danach begaben wir uns zu Kirstin's Elternhaus. Nach unserem Klingeln öffnete eine Dame, leicht verunsichert, die Haustür.
Nach zwei bettlosen Nächten, sowie abgerissener Kleidung - ich lief mit einem uralten US-Parka herum, müssen wir schon furchterregend gewirkt haben.

Wir sprachen kein finnisch, sie kein deutsch oder englisch. Nachdem wir ihr jedoch den Vornamen ihrer Tochter und Neustadt genannt hatten, bat sie uns freundlich hinein. Sie führte uns direkt in's Badezimmer und ließ Wasser in die Wanne laufen. Ihre Gestik war eindeutig, wir sollten zunächst 'mal ein Bad nehmen.
Nach Essen, Kuchen und Kekse, bummelten wir in der Stadt herum. Abends erschien Herr M., er war begeistert zwei junge Deutsche zu bewirten.
Seine Tochter habe ich in Turku nie gesehen, sie war mit ihrer Volkstanzgruppe noch in Schweden beschäftigt.
Am folgenden Tag - zum Frühstück gab's köstlichen Kaffee mit Brandy - fuhr Herr M. alle seine Lebensmittelfilialen bis nach Laitila an, um uns seinen Mitarbeitern vorzuführen. Abends hatten wir mit Ehepaar M. und einer Großmutter einen Saunabesuch zu bestehen. Es war mein erster - dieses Ereignis war mir gewöhnungsbedürftig.
Später hatte Herr M. uns zu Brandy und Zigaretten in sein Herrenzimmer geladen. Im Laufe des Gespräches zeigte er uns ganz stolz "Mein Kampf"- ich habe mich selbst und für meinen Gastgeber geschämt.

Am Sonnabend, den 20. September, fuhren wir mit dem Bus an den östlichen Stadtrand von Turku und von dort per Anhalter über Salo nach Helsinki.


Jeder Fahrer mit freien Plätzen hielt, mindestens jeder zweite von ihnen sprach deutsch. Wir wurden in die Stadt Helsinki gefahren.
Unser Fahrer beschaffte uns sogar eine preiswerte Unterkunft, 1000 Marka für das Doppelzimmer - ein Hoch und Dank dem Finnen!
Nachmittags bummelten wir durch die Halbmillionenstadt - wir sahen die Nikolaikirche - hier wurde musiziert, Bach, Händel, Prokofjew... - die Felsenkirche am Lutherinkatu, bis heute mein schönster Sakralbau, - und das Finlandiahuset an der Tölöviken.
Abends saßen wir in einer Studentenbar, zufällig mit einem Russen, am Tisch. Er kam aus Novgorow, sprach deutsch und berichtete von den unfreien Lebensverhältnissen in seiner Heimat.
Um dem zu entgehen, war er bei Vyborg über die Grenze geflohen und hatte in Finnland Asyl beantragt.
Auch später, wenn ich an W. dachte, erinnere ich mich an meine Landsleute, die slawische Menschen schamlos als Untermenschen betrachtet hatten.
Ein "Übervolk", das ein jahrelanges Massenmorden - überwiegend - erhobenen Hauptes, hingenommen hatte.

Am Sonntag, 21. Sept. 1958 noch in Helsinki, besuchten wir das Olympiastadion.
Mit Rufen wie Emil Zatopek und Paavo Nurmi, den Laufidolen unserer Jugend, liefen wir eine Runde auf der Aschenbahn.
Danach wurden wir höflich abgefangen und aus dem Stadion verwiesen.
Nachmittags ging's per Anhalter, in drei Etappen, zurück nach Turku. Der zweite Fahrer, dessen Ziel im Süden von Salo lag, fuhr uns an den westlichen Stadtrand und wartete mit uns, bis wir einen Wagen nach Turku bestiegen hatten.
Bei Familie M. wurden wir erneut freudig aufgenommen.
Montag, 22. September begann wieder mit brandyveredeltem Kaffee, danach Stadtbummel.
Ich hatte am 1. Oktober einen Praktikumstermin bei der VAC in Hanau/Main. Mein Freund wollte auf Kirstin warten. Zum Abschied schenkte mir unsere Gastfamilie einen Fotoband "Suomi-Finland". Ich bleibe ihnen sehr dankbar.

Ab 23.09. startete ich meine Rückreise. Abends auf der Fähre wurde ich von einem uniformierten Seeoffizier begrüßt - meine Überraschung war groß - es war unser Daimlerfahrer, der uns durch Dänemark und Schweden mitgenommen hatte.
Hier war er im Dienst. Nach der Abfahrt zeigte er mir die Brücke, anschließend tranken wir ein kühles Becks, ein gemütlicher Abend.

An der Bugreling und auf einer Bank ging's nach Stockholm. Von dort per Bus nach Gripsholm und sehr zäh, in mehreren Etappen, weiter per Anhalter nach Jönköping.
Nach weit einer Stunde hielt endlich ein Auto und der Fahrer bot mir an, mich nach Göteborg mitzunehmen. Da es bereits 18 Uhr war und dunkel wurde, fuhr ich mit.
Dort am Bahnhof kaufte ich mir für den nächsten Tag eine Fahrkarte, nach Helsingborg.
Mein letztes Geld, bis auf die Kronen für die Fähre nach Helsingör, zahlte ich für zwei Smörrebröd - eines aß ich direkt, das zweite war für den nächsten Morgen.
Die Nacht verbrachte ich auf einer Holzbank in der kleinen Bahnhofshalle - ich war nicht allein - am Morgen konnte ich mein Brot nicht finden, es war verschwunden.

Im Zug fragte ich mich, warum wohl die Finnen sich gegenüber jungen, fremden Deutschen ausgesprochen freundlich verhielten, Schweden dagegen deutlich reservierter. Meine Erklärung: Vorurteile von beiden Seiten, bedingt durch die jüngere Geschichte.

Schläfrig erreichte ich gegen Mittag Helsingborg - schnell zum Hafen und 'rüber nach Dänemark. Um 15 Uhr tauchte Kopenhagen auf, hier lief das Fußball Länderspiel, DK - D.
Gegen 18 Uhr war ich am Fährhafen Gedser. Im Bord-WC stillte ich meinen Durst am Wasserhahn.
Ich verpaßte, auf dem PKW-Deck, mir eine Mitfahrgelegenheit nach Neustadt zu besorgen. Doch am Großenbroder Kai wurde ich dann bis Heringsdorf mitgenommen.
Von da aus lief ich, hungrig und müde, mit Pausen über Rotenhof, Grube, Cismar, an Grömitz vorbei und Merkendorf, nach Neustadt.
Am Freitag, den 26. Sept., 1958, so gegen 6 Uhr, fiel ich meiner Mutter hundeelend in die Arme.

Eine Zeit, die mir immer in Erinnerung bleibt.

Einige statistische Daten:

 

Reisezeit

16. - 26.9.1958

Reisestrecke

2500 km - davon,

Anhalter

1640 km

Bahn

230 km

Fähren

330 Sm

Kostensumme

190 DM