Mein erstes Fahrrad

1948 bis 1960

Am Heiligen Abend 1948 erfüllte sich mir ein großer Wunsch - mein Fahrrad stand neben dem Weihnachtsbaum.
Ein Miele-Rad mit Beleuchtung und Gepäckträger- ich war selig.
Die Probefahrt am 1. Weihnachtstag ging über Süselerbaum bis zum Ortsschild Eutin und wieder zurück zum Kreinredder in Neustadt, Holstein- 32 herrliche Kilometer.
In der folgenden Nacht hatte es geschneit. Nahezu bis Ende Januar hatten wir Frost und mein bestes Stück blieb ungenutzt im Schuppen stehen.
Sobald der Schnee getaut war und die Straßen annähernd trocken, fuhr ich nach Pelzerhaken- die Seebrücke war mein mehrfaches Ziel.
In den Osterferien fuhr ich über Roge, Sierhagen, Hasselburg und Altenkrempe um das Binnenwasser- heute fällt mir auf, immer wieder rechts herum.
Sowie über Merkendorf und Logeberg nach Grömitz.
Später über Lensahn und Oldenburg an der Hohwachter Bucht bei Weißenhaus.
Im Herbst ging's immer bergan über Schönwalde zum Bungsberg. Stolz war ich, die höchste Erhebung Schleswig Holstein's geschafft zu haben.
nd Geliermittel, gekochte Marmelade.

Ein vitaler Beerenstrauch, mit gesunden Früchten, der seit vielen Jahren reiche Ernte bringt.

Im Jahre 1950 lernte ich die Ostholsteinische Schweiz kennen.

Ich umradelte die Eutiner und Plöner Seen.

In Richtung Süden, die Bäderstraße entlang über Bad Schwartau, habe ich das ehrwürdige Herz der Hanse, Lübeck abgefahren.

Am Bahnhof vorbei, über die Poppenbrücke zum Holstentor- "Eintracht nach innen, Frieden nach außen!"- hinauf zum Kohlmarkt, hier zum Rathaus, zum köstlichen Laden Niederegger, die Breite Straße hinab an der Marienkirche vorbei zum Koberg, hier zum Heiligen-Geist-Spital und in die Schiffergesellschaft mit den fliegenden Koggen, zu einer Erfrischung.

Heimwärts fuhr ich durch's Burgtor, am VfB-Stadion vorbei, über die Trave, durch Kücknitz nach Travemünde. Von dort über Niendorf, Timmendorfer Strand, Scharbeutz, Haffkrug und den Holm nach Neustadt, meinem Zuhause.

In diesen Jahren hat sich die Schönheit meiner Heimat in mein Hirn und Herz gebrannt.

Nach sechs Volksschuljahren besuchte ich ab dem Frühjahr 1951 die Mittelschule auf dem Neustädter Wieksberg, die in einer ehemaligen Marinekaserne untergebracht war und es später auch wieder werden sollte.

Treu und brav trug mich mein Fahrrad über vier Jahre zum Unterricht und wieder heim.

In meinen letzten Sommerferien hatte ich auf Wunsch meines Vaters ein vierwöchiges Praktikum im Labor der Schwartauer Werke zu absolvieren.

Die Tätigkeit hatte mir so gut gefallen, dass meine Berufswahl eindeutig gegen die spätere Übernahme seines Ladens gefallen war.

Meine Entscheidung nahm er ohne Murren entgegen- ich habe es ihm hoch angerechnet.

Anschließend radelte ich mit einigen Klassenkameraden zu den "Deutschen-Leichtathletik-Meisterschaften", die vom 6.- 8. August 1954 in Hamburg stattfanden.

Wir bejubelten unsere Olympiahelden von Helsinki, u. a. H. Fütterer, H. Schade.....

Die erste Nacht verbrachten wir in der Jugendherberge "Auf dem Stintfang", die zweite Nacht bei der Tante eines Freundes.

Die Rückfahrt- wieder B 75 und 207- verlief merklich ruhiger, wir waren mehr oder weniger angeschlagen.

 

Ab Frühjahr 1955 besuchte ich die PTL in Lübeck-Schlutup.

Täglich fuhr ich 2x 40 km über die Bäderstraße, an Travemünde vorbei zu den Vorlesungen.

Die Rückfahrten, in den Monaten Mai bis Juli, unterbrach ich zwischen Timmendorferstrand und Scharbeutz häufig, um ein erfrischendes Bad in der Ostsee zu nehmen.

Im Wintersemester 55/56 hatte ich eine "Bude" bei Witwe S. in der Ziethenstraße, Lübeck. Nun waren es täglich nur noch 2x 8 km.

In den Sommer-Semesterferien, ab dem 15. Juli 1956, war ich bei der Electroacustic GmbH, am Westring in Kiel, als Praktikant tätig- ich wohnte bei Onkel und Tante in der Dithmarscher Straße.

Auch hier fuhr ich täglich mit meinem Fahrrad zur Arbeit.

Am 13. Oktober ging's mit vollem Gepäck wieder zurück nach Neustadt und ab dem 15.10. wieder zur PTL nach Lübeck-Schlutup.

Vom 16. Februar bis 31. August 1957, war ich Praktikant bei der VAC in Hanau/Main.

Ein Zimmer hatte ich bei Familie G. in der Gebrüder Grimm Straße, in Steinheim.

Hier wurde ich mit dem Hauptgericht der Hessen, "Rippchen mit Kraut", dazu "Äppelwoi", Marke Eigenbau, bekannt gemacht.

 

Am 1. September 1957

- die VAC hatte mir zwei Wochen Urlaub zugestanden- wurde das Fahrrad gesattelt , um an die Ostsee zu fahren.

Über Offenbach, Gustavsburg, über den Main nach Eltville, in Rüdesheim gab es bei einem Metzger ein gut belegtes Brötchen und einen Schoppen in der Drosselgasse.

Weiter über Lorch, am Loreleifelsen vorbei nach Niederlahnstein. Die Jugendherberge war schnell gefunden- am Abend ging's zum Weinfest.

Am nächsten Tag über Neuwied, Linz, Königswinter- Adenauer kurz gewunken- nach Bonn, hier über den Rhein und weiter nach Köln- der Dom war schon von weitem zu sehen.

In Neuss, Nachtquartier in einer Jugendherberge.

Am dritten Tag fuhr ich wieder über den Rhein nach Düsseldorf und weiter über Mühlheim an der Ruhr- hier machte die schlechte Luft dem "Pott" alle Ehre- nach Essen.

Hier bekam mein Fahrrad einen Platten, ich konnte den hinteren Schlauch bei einem Schlachter im Hof flicken.

Danach kaufte ich in seinem Laden Zwiebelmettbrötchen und dazu eine Flasche Köpi- einfach köstlich!

Weiter ging es über Bochold nach Dorsten im Lippetal- das Ruhrgebiet lag hinter mir.

Am Donnerstag fuhr ich über Haltern weiter, am Dortmund-Ems-Kanal entlang, über Münster bis nach Ladbergen. Hier gab's ein Brötchen mit einem Stück Fleischwurst.

Kurz hinter Lengerich erreichte ich Osnabrück und damit Niedersachsen.

Hier, zwischen Teuteburgerwald und Wiehengebirge, ging es rauf und runter- ein hartes Stück Arbeit.

Nach Überquerung des Mittellandkanals, ging es nach Lemförde, am Dümmer entlang und endlich Diepholz- hier wieder Rast in der Herberge.

Tags darauf fuhr ich über Twistringen in Richtung Bremen.

Kurz vor Bassum gab es einen gewaltigen Knall

Mein Fahrrad hatte vorne totale Reifenpanne- Schlauch und Mantel waren zerrissen- so mußte ich nach Bassum schieben und zwei neue Teile kaufen-somit war mein Budjet auf 8.- DM geschmolzen.

Mir wurde klar, dass ich mir keine weitere Übernachtung leisten konnte- bis nach Hause waren es noch 222 km.

So wurde Bremen abgeschnitten- ich fuhr nach Syke, Thedinghausen, über die Weser nach Achim und weiter ins Tal der Wümme nach Hellwege, Rotenburg, Tostedt- alles flaches Moorgelände-, über die Este nach Buchholz. Hier wurde es wieder buckelig.

Am frühen Abend erreichte ich Hamburg-Harburg. Hier versorgte ich mich mit einer Flasche Mineralwasser, Brötchen und Käse. Zwei belegte Brötchen aß ich sofort, das dritte war meine eiserne Reserve.

Weiter, in die Nacht, über H-Wilhelmsburg nach Hamburg- in St. Georg wurde ich langsam müde- hin und wieder habe ich meinen Drahtesel geschoben.

Durch Barmbek, Wellingsbüttel und Sasel- die Stadt wollte nicht enden.

Die B 434 führte mich dann endlich nach Ammersbek- ich hatte Schleswig Holstein erreicht.

Früh, so gegen 7 Uhr, überholte mich ein Trecker mit Anhänger, der mit Milchkannen bestückt war. Ich koppelte mich an und genoss einige bequeme Kilometer auf meinem Fahrrad.
Plötzlich fuhr neben mir ein Schupo auf einem Motorrad. Er klärte mich über mein ordnungswidriges Verhalten auf und wollte mir dann das fällige Knöllchen ausstellen.
Übermüdet und entkräftet liefen mir die Tränen über das Gesicht. Da er diese Reaktion wohl nicht erwartet hatte, bat er mich, ihm mein Verhalten zu erklären.
Ich erzählte ihm das vorherige Berichtete. Daraufhin bat er mich, ihm bis zu einem nahegelegenem Gasthof zu folgen, dort könne er den Verwarnungsbeleg besser ausfüllen.
Im Gasthof angekommen, forderte er mich auf, an seinem Tisch Platz zu nehmen. Der Wirt brachte zwei Pils. Und mit der Bemerkung, ich sei sein Gast, hielt mir der Polizist seine prall gefüllte Brotdose hin.
Mir liefen erneut die Tränen- am liebsten hätte ich ihn umarmt.
Die letzten 60 Kilometer über Bad Oldesloe und Lübeck nach Neustadt verliefen mir wie im Traum- so gegen 11 Uhr erreichte ich mein Elternhaus.

12 Jahre, 16.000 km, gute Dienste

Nach einer Woche Erholung zu Hause, absolvierte ich erfolgreich die Anforderungen zum Deutschen Sportabzeichen- u.a. als Ausdauerdisziplin 20 km Radfahren.
Start am Hamburger Hof in Neustadt, auf der B 207 zu einer Tankstelle in Höhe Lensahn und wieder zurück.
Dann nahm ich wieder das Studium in Schlutup auf.
Ab 1. Oktober 1958 war ich nochmals bei der VAC in Hanau beschäftigt.
Bis zum Jahresende wohnte ich bei Witwe K. in der Gustav-Adolf-Straße, danach bis Ende Februar 1960 bei Familie M. in der Wichernstraße.
Vom ersten Tag an hatte ich mich dort sehr wohl gefühlt.
Frau M. war Bibliothekarin, sie war täglich mit Neuerscheinungen beschäftigt- auch Sohn und Tochter waren sehr belesen und so ergab sich, dass auch ich mich in Werke von Böll, Kafka, Pasternak, Tolstoi und Zweig vergrub...es wurde heftig diskutiert.
Dann wieder verbrachten wir Burschen so manchen Abend in einer Lamboy Ami-Bar, black or white, es jazzten "Otto Fats and his Cats", unvergeßlich.
Natürlich hatte ich mein Fahrrad dabei- morgens zur Arbeit und abends wieder zurück.
Oder vorher zum Training mit den Kesselstädter Faustballern im Wilhelmsbader Sportfeld.

Am Ende meines Praktikums wurde mein Rad auf dem Dachboden meiner Wirtsleute verstaut- bei Gelegenheit wollte ich es mir holen.
40 Jahre später verstarb Frau M., das Haus wurde verkauft und mein "erstes Fahrrad" wurde mit entrümpelt.

Es hatte mir 12 Jahre, ungefähr 16.000 km, gute Dienste geleistet.