Der Sonntag des frohen Erinnerns
Schlesischer Volksbrauch
Es gibt einige Tage im Jahr, die in den Herzen der Heimatlosen Erinnerungen besonderer Art wachrufen.Zu ihnen zählt der Sonntag Lätare, der in Schlesien "Sommersonntag" hieß und für alt und jung ein Freudentag im wahrsten Sinne des Wortes war. Mit Stäbchen, an denen bunte Bänder flatterten und mit Körbchen und Säcklein ausgestattet, zogen die Kinder in hellen Haufen von Haus zu Haus und sangen ihre Sommersonntagslieder, wofür sie allerlei kleine Gaben erhielten , besonders sogenannte "Beegla", ein Schaumgebäck in Ring- oder Brezelform, das billig war und doch gut schmeckte. Aber auch Pfefferkuchen kam zur Verteilung, Eier, Geld, kleine Ringe aus Blech, Schreibfedern odre hübsche Bildchen, je nach der Gebefreudigkeit des Hausherrn und seiner "schönen Frau Wirtin", womit die Hausfrau selbst gemeint war. Die Sommerlieder waren einfache Volksreime, die auf ebenso einfache Melodien gesungen wurden, aber es steckte viel Schelmerei in ihnen. Hausfrau und Hausherr wurden reichlich geneckt oder gelobt und für einen Geizhals hatten die kleinen Sänger kecke Spottreime zur Hand, mit denen sie nicht hinterm Berge hielten. Manche der Lieder, die schon seit Generationen gesungen wurden, trugen religiösen Charakter und bezogen sich auf die Passionsgeschichte. Andere wieder handelten von der Natur, von Frühling, Sommer, Winter und der Nachtigall, am bekanntesten aber war das von den schönen grünen Linden:
"Rot Gewand, rot Gewand,
Schöne grüne Linden
Suchen wir, suchen wir,
Wo wir etwas finden.
Gehn wir in den grünen Wald,
Da singen die Vöglein jung und alt,
Sie singen ihre Stimme,
Frau Wirtin sind Sie drinne?
Sind Sie drin, da komm'n Sie raus,
Bringen Sie eine Gabe raus.
Ich kann nicht länger stehen,
Ich muß noch weiter gehen!
Weit, weit übers Feld,
Ich nehme Brot, ich nehme Geld,
Ich nehme was ich kriege,
Ich bin damit zufriede."
Es ging etwas kunterbunt zu
in diesen Versen und es ist wohl auch anzunehmen, daß mit den grünen Linden grünes Linnen, Leinwand, wie sie in den schlesischen Gebirgsgegenden hergestellt wurden. Die "schöne Frau Wirtin" war, wie gesagt, die Hausfrau selbst. Man schmeichelte ihr auf alle Arten. Wenn sie aber trotzdem keinen Sinn dafür bewies und die Ohren verschloß, dann schallte es keck in die Haustür hinein:
"Hinnermist, Taubamist,
Ei dam Hause kriggt ma nischt,
Ies doas nich 'n Schande
Ei dam ganza Lande?"
Nicht immer wehte den Sommerkindern ein schmeichelnder Frühlingswind um die Stupsnäschen. Oft genug trabten sie mit ihren buntbewimpelten Stäbchen durch heftiges Schneegestöber, aber das tat ihrer Freude keinen Abbruch. Wenn die Säcklein gefüllt waren, ging es heim und dann wurden alle die eingeheimsten Kostbarkeiten auf dem Tisch ausgebreitet und mit gutem Appetit verspeist. Was übrig blieb, wurde zur Vesper aufgehoben.
Das Sommersingen war eine der wenigen Volkssitten, die sich bis in die neue Zeit hinein unverfälscht erhalten hatten. Es wurde in Dorf und Stadt, ja sogar in den verkehrsreichen Straßen Breslaus Jahr für Jahr aufs Neue ausgeübt und wenn sich die Schlesier im deutschen Westen, der ja auch reich an vielerlei Sitten und Volksbräuchen ist, wieder an die Sommerkinder erinnern, dann wird ihnen zwar etwas wehmütig ums Herz, aber es erwacht auch der alte Frühlingsglaube wieder, der aus den fröhlichen Kinderliedern spricht und die Herzen in neuer Hoffnung schlagen läßt. Wie hieß es doch in einem der Lieder:
"Der Sommer hat gewonnen,
der Winter hat verloren, tra ri ra,
der Sommertag ist da!"
Schlesischer Volksbrauch